Der publizierte Liberalismus fordert mehr Visionäre in die Politik

Noch mehr Spinner? Schlimmer gehts immer!

In der Wirtschaftswoche vom 4.8.14 empfiehlt Henning Krumrey der deutschen Politik sich ein Beispiel an den Visionären vom Schlage Bezos, Musk und Branson zu nehmen. „Skurril“ und „spleenig“ sollen Politiker sein, vordergründig an einem Ziel arbeiten, aber die anvertrauten Ressourcen für die persönliche Agenda einsetzen; der „Testosteron-Wettlauf“ von alpha-Tierchen sei die Lösung für die Probleme der offenbar als stillstehend empfundenen Politik.

Ist die Welt in Düsseldorfer Chefredaktionen eine andere als sie einem Normalbürger begegnet? Visionen in Form von Bildung für alle, friedlichem Europa bis hin zu nachhaltiger Energie haben wir doch schon einige erlitten. Herausgekommen sind ein versagendes Schulsystem, eine sich selbst dienende europäische Bürokratie und explodierende Energiekosten. Die Liste der Beispiele ist lang, sehr lang sogar. Statt Glauben/Vision/Selbstüberschätzung fordert der liberale Blick auf die Wirklichkeit ein Ende des Machtbarkeitswahns und die Einsicht in die Grenzen staatlichen Tuns.

Einen Mangel an Visionären kann man in der deutschen Politik auch nicht erkennen. Der Fehler der weltfremden Herren Kohl und Schröder (sorry, die Damen von Schlage von der Leyen, Nahles und Merkel machen es nicht anders) ist und bleibt der Glaube an die eigenen Fähigkeiten. Herr Bezos mag noch die Billigung seiner Aktionäre haben, statt Marktanteilen, Rendite, Dividenden und sicheren Arbeitsplätzen seine Kinderträume zu verwirklichen. Er und die anderen Helden von Herrn Krumrey arbeiten an ihren Träumen mit einem hohen persönlichen Risiko und nicht „par odre du Mufty“ und auf Kosten des Steuerzahlers. Diese Freiheit und der Ertrag ihrer Risikobereitschaft sei ihnen von Herzen gegönnt.

Die meisten Fehler in der Politik lassen sich mit Weltfremdheit und Glauben an sich selbst statt Wissen über die Folgen eigenen Tuns erklären. Insofern hat Helmut Schmidt leider doch recht, wenn er mit „wer Visionen hat, soll zum Arzt“ gehen, zitiert wird. Und darf sich zugleich mit seinem eigenen Tun in die lange Reihe der versagenden Visionäre einreihen, denn für sein sozialdemokratisches Gemurkse läßt der alte Mann seine Bewertung wohl nicht gelten.

Deshalb zum Schluß noch eine uneingeschränkte Zustimmung zu den Wertungen des Herrn Krumrey: „typisch deutsch“ und „deprimierend dämlich“ nennt er den kettenrauchenden Altkanzler. Nun ja, jedes Volk hat eben am Ende die Regierung, die es verdient.

Und für den Blick nach vorn, eine irgendwie liberale Erkenntnis von Sheldon B. Kopp: „Wenn du einen Helden hast, sieh noch mal hin: du hast dich selbst irgendwie kleiner gemacht“ (aus: Ein eschatologischer Waschzettel – Auszug aus dem Register der 927 (oder waren es 928?) ewigen Wahrheiten; Fischer Taschenbuch Verlag, 2000)

Quelle: Wirtschaftswoche Nr. 32/2014 vom 4.8.14; http://blog.wiwo.de/chefsache/2014/08/02/die-kraft-der-rebellen/

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