Das Trump-Geheimnis

Der Sieg von Donald J. Trump ist alles andere als eine Überraschung. Er ist vielmehr das Resultat des modernsten Wahlkampfes aller Zeiten.

„Dreiste Lügen“ haben Donald Trump zum Präsidenten gemacht, da ist Stefan Beutelsbacher sich sicher. Die „Abneigung gegen seine Gegnerin“ sei ursächlich gewesen, vermutet hingegen Oliver Georgi. Ab- und Zuneigung helfen allerdings nicht weiter, wenn man verstehen will, warum Trump derart haushoch gewonnen hat. Bei nüchterner Betrachtung lässt sich aus dem Trump-Sieg eine Menge lernen. Acht Tipps für Wahlkämpfer im postmedialen Zeitalter.

Tipp Nr. 1: Kümmern Sie sich nicht um moderne Heiligtümer.

Wahlkämpfer vergangener Generationen ließen sich stets von Institutionen den Weg weisen, die keiner in Frage stellt. Lassen Sie das bleiben.

Der Papst ist gegen Sie? Ignorieren Sie den windigen Argentinier einfach. Die Washington Post, die New York Times hassen Sie? Machen Sie Stimmung gegen sie. Tun Sie das weiterhin. Tun Sie das solange, bis der Wähler sich fragt, was „WaPo“ und „NYT“ eigentlich jemals für ihn getan haben, außer ihm Abos aufschwätzen zu wollen.

Donald Trump hatte, von ein paar wenigen unwichtigen Blättern abgesehen, fast jedes Medium der USA gegen sich. Selbst Fox News brillierte bestenfalls mit vergiftetem Lob. Das alles hat Trump nicht geschadet. Ein wohlgesonnenes News-Blog mit dilettantischen Design, aber dafür mit griffigen Geschichten, dazu eine betuliche Online-Zeitung, schließlich ein Schuss Social Media – mehr brauchen Sie notfalls nicht, um den politischen Gegner abzuhängen.

Tipp Nr. 2: Pfeifen Sie auf Kritiken von Fashion-Experten aller Art.

Ihre Gegner spotten, Sie hätten ein totes Eichhörnchen auf dem Kopf? Wer zuletzt lacht, lacht am besten – wer Ausstrahlung hat, braucht keine Friseurkatalogsfrisur. In einer Zeit der globalen Krise hat der Wähler gelernt, dass er sich vom Anblick beratergestylter Politiker nichts kaufen kann. Lassen Sie also das Eichhörnchen wachsen und gedeihen. Machen Sie es zu Ihrem Markenzeichen. Wenn Sie einmal in Selbstzweifel geraten sollten, trösten Sie sich damit, dass die Frisur von Sigmar Gabriel auch nicht gerade der Knaller ist.

Tipp Nr. 3: Sagen Sie immer wieder dasselbe.

Ihre Gegner werden naturgemäß versuchen, Ihnen Wankelmütigkeit zu unterstellen. Sie wissen schon: Atomknopf und so. Überführen Sie ihre Kritiker der Lüge, indem Sie auf Ihren Veranstaltungen immer wieder dasselbe erzählen. Achtung: Dasselbe ist nicht das Gleiche. „Wer die Wahrheit sagt, kann beliebig umformulieren – und tut das auch“: Diese Sentenz kennen Sie aus einer bösen Szene aus „Das Leben der anderen“. Halten Sie sich daran.

Variieren Sie zwischen Ihren Best-of-Passagen. Stellen Sie dabei sicher, dass Sie immer auch ohne Prompter auskommen könnten.

Wenn Sie sich am Teleprompter festklammern, hält der Wähler Sie zurecht für eine Marionette. Streuen Sie deshalb situativ Fakten und Assoziationen ein. Interagieren Sie dynamisch mit dem Publikum. Überraschen Sie dabei inhaltlich nicht zu sehr. Wenn Sie einmal den Gegner als „crooked“ etikettiert haben, dann bleiben Sie dabei.

Tipp Nr. 4: Kaufen Sie sich ein Flugzeug. Und mindestens noch ein zweites. Und einen Hubschrauber.

Kurz vor der Wahl konnte man schon allein beim Zuschauen auf YouTube ins Schwitzen geraten: Da eilte Donald Trump an einem Tag zu sieben (!) gigantischen Wahlkampfauftritten. Mit FlixBus und BahnCard werden Sie da nichts. Mit einer „Trump Force One“, einem kleineren Business-Jet als Ergänzung und einem Hubschrauber sieht die Sache schon anders aus.

In einem geräumigen Flugzeug können Sie Besprechungen abhalten, schlafen, essen, duschen, twittern. Sie können direkt bis vor Ihr Publikum rollen. Und Sie brauchen vor Ort kein Hotelzimmer. Bekleben Sie das Flugzeug mit Ihrem Namen. Dann haben Sie Ihren Werbeträger immer dabei.

Tipp Nr. 5: Suchen Sie sich die Besten für Ihr Team.

Ganz im Ernst: Verzichten Sie auf „Strategieberater“, die vor allem Neffen von Vorstandsmitgliedern Ihrer Partei sind. Lassen Sie sich nicht von Bittgesuchen abgebrannter ehemaliger Freiwilliger erweichen, deren Kernkompetenz darin besteht, ganz dringend einen Job zu brauchen. Suchen Sie sich stattdessen Nerds mit Erfahrung, die für Sie durchs Feuer gehen – und auf die Sie sich uneingeschränkt verlassen können.

Kellyanne Conway, Trumps zähe Kampagnen-Managerin, hatte sich ihre Sterne schon vor Jahrzehnten in Schlachten von Ronald Reagan verdient. Rudy Giuliani, Ex-Bürgermeister von New York, hat einmal en passant eine ganze Großstadt vor dem Untergang gerettet. Und Bobby Knight, Trump-Charakterbürge und Basketballtrainer-Legende, hat ein halbes Jahrhundert lang bewiesen, dass er weiß, wie man Mannschaften fit macht und ein Spiel wendet. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Man muss Trumps Themen nicht mögen. Aber eines ist nicht zu bestreiten: Trumps buntes Team aus Hardcore-Individualisten hat mehr unerwartete Ideen generiert, als eine ganze Armee an Partei-Apparatschiks es jemals hätte tun können.

Tipp Nr. 6: Suchen Sie sich ein Vorbild, das erfolgreich gewesen ist.

Welcher Polit-Außenseiter hat vor Trump drei glänzende Siege errungen? Na klar, Ronald Reagan, erst Gouverneur, dann zweimal Präsident, beliebt aus Film und Fernsehen. Natürlich haben Trumps Leute Reagans Erfolge genauestens studiert. Denn wer Reagan kennt, kann Wahlen gewinnen. Wer den „Gipper“ im Detail analysiert hat, konnte vieles im Trump-Wahlkampf wiedererkennen.

Wohlgemerkt: „vieles“, nicht „alles“. Auch wenn die Situation, in der sich die USA zur Amtsübernahme von Reagan befanden, auf manche ähnlich wirken mag wie heute, haben sich doch die Zeiten längst geändert. Reagan war ein zutiefst gläubiger, tiefgründiger Denker, dessen Sätze meist wie in Stein gemeißelt waren. Der Wähler verlangt heute ganz anderes.

Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Das mögen Sie bedauern. Es nützt nichts. Stellen Sie sich darauf ein.

Tipp Nr. 7: Geben Sie Vollgas.

Wissen Sie noch, wie Donald Trump bei einem seiner letzten Wahlkampfauftritte einmal wieder einen seiner berühmten Schwächeanfälle erlitt? Kleiner Scherz. Wenn Sie gewinnen wollen, dann machen Sie es hier wie Trump: Zeigen Sie niemals, niemals Schwäche. Der Wähler vertraut Ihnen das Schicksal seines Landes an. Da können Sie nicht das Weichei rauskehren.

Geben Sie deshalb Vollgas, immer und ausnahmslos. Röhren Sie wie ein Hirsch. Seien Sie ein Entertainer. Seien Sie laut. Seien Sie noch lauter. Begreifen Sie Protestslogans Ihrer Gegner als freundliche Aufforderung. Wenn Störer anfangen mit „Say it loud, say it clear“, dann tun Sie Ihnen den Gefallen.

Tipp Nr. 8: Reden Sie ausschließlich über Dinge, die den Menschen unter den Nägeln brennen.

Einer der mitleiderregendsten Momente der Clinton-Kampagne sah so aus: In zwei Reihen hintereinander saßen stocksteif vielleicht zwei Dutzend verschüchterter junger Menschen, die in blaue Einheits-T-Shirts gewandet worden waren. Vor ihnen dozierte eine ältere Frau mit Föhnwelle. Die ältere Frau wollte Präsidentin werden. Sie versuchte, die jungen Menschen mit dem Argument zu überzeugen, sie wären „the most inclusive generation“ aller Zeiten.

Lassen Sie solchen Blödsinn. Ein Wähler möchte nicht als „generation“ angesprochen werden. Er ist ein Individuum und keine „Generation“. Er will auch nicht von Ihnen hören, wie Sie ihn beurteilen. Er will keinen Charakterrichter wählen. Bestenfalls will er hören, dass er „amazing“ ist. Noch lieber mag er hören, was Sie für ihn tun können.

Wer jung ist, interessiert sich selten bis nie für Slogans aus dem Politsprech-Archiv. Wer jung ist, will eine stabile Wirtschaft, in der es gut bezahlte Jobs gibt. Er will Spaß und einen ungefährlichen Alltag. Er will ein Auto, spannende Reisen und ein neues iPhone. Was er nicht will, sind Lobhudeleien, die ihn auf seine politische Erziehung reduzieren.

Falls Sie nach vielen Jahren in der Politik nicht mehr wissen sollten, wie ganz normale Menschen ticken, dann gehen Sie einfach mal wieder auf die Straße. Kaufen Sie einen Hamburger oder einen Döner. Sprechen Sie mit Obdachlosen. Fahren Sie mit der S-Bahn. Schauen Sie sich dabei genau um. Es hilft wenig, wenn Sie an der Lebenswirklichkeit der Wähler vorbeidichten.

Die Straßen und Brücken in Ihrem Land zerbröseln und Ihre Flughäfen sehen aus wie in der Dritten Welt? Der Staat ist pleite, die Krankenkasse auch, und Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung? „Stimmt nicht“, könnten Sie da kontern wollen. Wenn Sie früher mal Minister waren, werden Sie das sogar höchstwahrscheinlich tun. The bad news is: Selbst mit der schönsten Statistik können Sie niemandem ausreden, was er im Alltag wahrnimmt. Politik ist ein Produkt, das kauft, wer meint, dass er es braucht. Nicht anders als bei Medien auch.

Markus L. Blömeke ist Medienunternehmensberater und koordinierte den Knotenpunkt Berlin der „Stiftung Liberales Netzwerk“. Er hat im Vorwahlkampf 2016 die Medienkommunikation der http://www.fdp-berlin.de/ geleitet. Sein Engagement hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die „Freien Demokraten“ in der Bundeshauptstadt ihren Stimmenanteil in den Umfragewerten binnen kürzester Zeit verdreifachen konnten und wieder im Abgeordnetenhaus von Berlin vertreten sind.

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